Sonntag, 29. November 2015

Auf dem Weg in den Wahnsinn



Es dürfte niemanden wundern, dass Wagner auch bei Arthur Schnitzler auftaucht, was im Hinblick auf sein gesamtes Werk untersucht werden müsste. Hier nur ein paar Zeilen zu seiner Erzählung Flucht in die Finsternis, in der minutiös erzählt, wie Robert, ein an sich pflichtbewusster Beamter, nach und nach wahnsinnig wird. Einen Abend verbringt er mit Freunden in einer Bar, wo sie einem „Nachtpianisten“ lauschen, der ‚unermüdlich Opernarien, Tänze Lieder aufs feinste harmonisiert, mit zwanglosen Übergängen vortrug.’ Tagsüber arbeitet er als Sparkassenbeamter! Zu später Stunde: „Der Klavierspieler phantasierte über Themen auf Wagnerschen Opern in parodistischem Walzertempo. Irgend etwas längst vergangenes zog durch Roberts Sinne. Vor vielen Jahren, zu Beginn seiner Ehe, war er einmal während einer Tristan-Aufführung mit seiner jungen Gattin in der verdunkelten Loge sehr zärtlich gewesen. Es war ihm nun in der Erinnerung, als hätte er sie damals unendlich geliebt [...].“ Sein Leben wäre vielleicht anders verlaufen, wenn seine Frau nicht so junge gestorben wäre. „Trotz dieses wehmütigen Einfalls fühlte er sich ganz behaglich und merkte, dass er mit der Hand sanft zum Klavierspiel den Takt schlug.“ Als ein Freund fragt, was er habe, sagt er nur: „Mir ist was Komisches eingefallen.“ Zärtlichkeiten während einer Tristan-Aufführung, dieses Motiv kommt auch andernorts vor (etwa bei Joséphan Péladan). Hier ist festzuhalten, dass Wagner wieder einmal mit Wahnsinn in Verbindung gebracht wird.
(vgl. Arthur Schnitzler. Erzählungen. Zürich. Manesse. 1994. S. 514f.)

Donnerstag, 12. November 2015

Natürlich die Außerirdischen


Mit dem Grundstein zum Festspielhaus ließ Richard Wagner eine ziemlich schwere Blechkapsel einmauern und dazu den Vierzeiler: „Hier schließ’ ich ein Geheimnis ein. / Da ruh’ es viele hundert Jahr. / So lange es verwahrt der Stein, / Macht es der Welt sich offenbar.“ Was könnte das gewesen sein? E. W. Heine hat es herausgefunden. Es muss was mit den Außerirdischen zu tun haben. Im Grunde, so Heine, konnte Wagner nicht besonders gut komponieren. „Was ich für ein Stümper bin, glaubt kein Mensch.“ soll Wagner selber gesagt haben.
Erst mit dem Lohengrin konnte er komponieren. Damals muss er eine Schöpfungskraft von außerhalb der Erde erhalten haben. Oder irgendein Gerät, das er später einmauern ließ. Von nun an entstand die neue Musik.
Vgl. E. W. Heine: Das Rätsel von Bayreuth. In: Ders., Luthers Floh. Geschichten aus der Weltgeschichte. Zürich. Diogenes. 1987. S. 117 – 126.

Mittwoch, 7. Oktober 2015

Wagner, eine Schlaftablette

Peter Ustinov berichtet, dass sein Großvater, wenn in der Sankt Petersburger Wagner gespielt wurde, mit einer Thermoskanne mit Kaffe und einigen Sandwiches sich in seine Loge. Er schloss die Vorhänge und schlief fünf Stunden lang sehr entspannt. Seinem Enkel geht es ähnlich: er schläft bei Wagner ein. Gleichwohl unterstützt er seinen Freund Daniel Barenboim, der es gewagt hat, in Israel Wagner zu spielen. Für Ustinov ist Wagners Musik keineswegs faschistisch. Er döst halt einfach bei dieser Musik. Er wisse selber nicht warum.
(Vgl. Peter Ustinov: Achtung! Vorurteile. Hamburg. Hoffmann und Campe. 2003. S. 242 - 245)

Freitag, 25. September 2015

Wagner ist unheimlich


In den Geschichten von Roda Roda (d. i. Alexander Friedrich Rosenfeld. 1872 – 1945) begegnet uns Wagner gleich zwei Mal. Die erste Geschichte ungekürzt:

„Prinzregententheater
Der alte Eisenstein erzählt: ‚Ich war gestern abend in die Festspiele, im Parsifal. Um sechs bin ich hingegangen. Und der erste Akt hat gedauert – gedauert - - wie ich um Mitternacht herauskam, war es halb acht’“

Um Mitternacht? Halb acht? Ziemlich unheimlich! So auch in „Blümelhubers Begegnungen mit Richard Wagner“: Wagner als Geist im Palazzo Vendramin. Der Maler Blümelhuber darf dort, lange nach Wagners Tod,  malen und ist etwas indigniert, als ihn ‚eine kleine gedrungene Gestalt mit an Barett, an seidenen Schlafrock und rosa Seidenhosen’ bei der Arbeit stört. Der will sich dann auch noch mit ihm unterhalten, über „Gott und die Sterblichen“. Blümelhuber verbittet sich das. Dem Gespenst fällt dann der Kopf von den Schultern in den Kanal... „Drauf ist er nimmer wiederkommen. Wahrscheinlich war er beleidigt. – Aber i kann natürlich net mit an jeden herumdischkutieren, wenn i a dringende Arbeit hab.“
(zit. nach: Roda Roda erzählt. Reinbek 1993. S. 130 – 133)

Dienstag, 30. Juni 2015

Wagner auf Java



Von den alten Büchern über die indonesischen Inseln sind einige noch heute lesenswert. Erwähnen möchte ich Max Dauthendey, der 1918 auf Java gestorben ist. Der in Würzburg 1867 geborene Autor befand sich damals auf einer Weltreise und durfte nach Ausbruch des I. Weltkriegs die Insel nicht mehr verlassen. Seine Tagebücher über diesen erzwungenen Aufenthalt sind lesenswert, auch weil er viel Verständnis für die Javaner zum Ausdruck bringt. Im Oktober 1915 reiste er nach Solo, um die Hochzeitsfeierlichkeiten des dortigen Sultans zu erleben. Verwundert berichtet Dauthendey über die Deutschfreundlichkeit dieses Herrschers: „Der Sultan hat auch ein Orchester, das europäische Instrumente spielt, und er lässt sogar Wagner spielen. Dieser deutschfreundliche Javakaiser gefällt mir.“ (M. Dauthendey: Erlebisse auf Java. München. 1924. S. 23)

Sonntag, 5. April 2015

DADA



Manch einer hat es schon geahnt: Wagner war der erste Dadaist! Kein geringerer als Walter Mehring (1896 – 1981) schrieb, dass der erste Lautdichter Paul Scheerbarth mit seinem Gedicht „Kikakoku Ekoralaps“ gewesen sei. „Aber noch früher hat der sächsische Opernlibrettist Richard Wagner sein ‚Hojotoho-ho... Hojotoho-ho / Wiggalaweia... wiggalaweia’ geleiert.“ Mehring schrieb auch von den Provinzlern im wilhelminischen Deutschland, „die sich als Nibelungen aus Wagners Opern verkleideten“. Was wieder einmal zeigt, dass sich Wagner auf allen Kulturebenen eingenistet hat.
(vgl. W. Mehring: Verufene Maleri. Berlin Dada. Erinnerungen eines Zeitgenossen. Düsseldorf Claassen. 1983. S. 184, 243)

Mittwoch, 1. April 2015

Gedanken bim Tannhäuser-Vorspiel



Wir erleben derzeit einen rasanten Kulturverfall. Vieles, was früher als Kultur galt, verschwindet nach und nach. Am längsten werden sich Konzert, Oper und andere Musikveranstaltungen halten. Warum? Weil man beim Konzert oder in der Oper so schön seinen eigenen Gedanken nachhängen kann. Der dänische Schriftsteller Willy Breinholst (1918 – 2009) hat das in einer Glosse geschildert. Was denkt er beim Tannhäuser-Vorspiel? Er überlegt sich, wie er von der Galerie auf den Kronleuchter spränge. Wunderbar, auch wenn Sie und ich wohl andere Gedanken hätten...
(Vgl.: Willy Breinholst: Ein Besuch in der Oper. In: Die Allerschönsten Katastrophen. Hamburg. Hoffman & Campe. 1993. S. 337)

Freitag, 13. März 2015

Wagner im Kriminalroman


Gehen Kriminalkommissare und Privatdetektive, die Helden unzähliger Romane, gerne in die Oper? Hören sie, wenn Sie mit dem Auto auf Dienstfahrt sind Opernarien? Das ist Stoff für mindestens eine Dissertation! Für den Marseiller Polizeikommandanten Michel de Palma in den Romanen von Xavier-Marie Bonnot (*1962) gilt das jedenfalls. Er liebt Verdi! Und sagt zu einem Kollegen bei einer Dienstfahrt: „Für einen Polizeibeamten gibt es nichts Besseres als Opern. Da kriegt der einsame Wolf ein bisschen Poesie ab. Wenn in der Grünen Minna Opernarien Pflicht wären, gäbe es bestimmt weniger Übergriffe.“
Und der Dialog geht weiter:
„Aber bloß keinen Wagner!“
„Vor allem nicht bei der Bereitschaftspolizei...“
Ist Wagner für höhere Dienstgrade geeignet? könnte man fragen.
Wie steht es mit den realen Polizeibeamten und Detektiven?
Wie mit den Autoren und Autorinnen? Wie man weiß, liebt Donna Leon die Oper, aber nicht Wagner, so weit mir bekannt...

PS. Ich habe erst angefangen, diesen Roman zu lesen. Mal sehen, ob Wagner noch einmal auftaucht. Ich glaube, eher nicht. Aber Wetten werden noch angenommen. Falls ja, werde ich das in diesem Beitrag natürlich ergänzen.

Vgl.: X.-M. Bonnot: Die Melodie der Geister. Aus dem Französischen von Gerhard Meier. Zürich. Unionsverlag. 2015. S. 38

Donnerstag, 19. Februar 2015

Schach und Wagner



Wilhelm Steinitz (1836 – 1900) war, so sagen einige Kenner, der berühmteste Schachspieler. Beim Spiel summte er Wagner-Melodien, denn er verehrte den Meister. Der spanische Romancier Arturo Pérez-Reverte (*1951) erwähnt dies in seinem Roman „Das Geheimnis der schwarzen Dame“ („La tabla de Flandes“, 1990). Er schreibt weiter über Steinitz: „Mit sechzig Jahren behauptete er, in direkter Verbindung mit Gott zu stehen, er könne Gott sogar im Schach schlagen, sagte er, selbst wenn er Gott als Vorteil einen Bauern und die weißen Figuren einräumte.“ Steinitz starb in einem New Yorker Irrenhaus.  Ob man von ihm auf andere Wagnerianer schließen kann?
vgl. A. Pérez-Reverte: Das Geheimnis... rororo TB. 1994. S. 191f.

Mittwoch, 4. Februar 2015

Nur eine Note für Wagner


Francis Jammes: Intelligenz

   Eines Tages waren die Bücher, in denen sich die Gedanken der Menschen befanden, wie durch Zauberei verschwunden.
   Da versammelten sich die großen Wissenschaftler: die Großen der Mathematik, der Physik, der Chemie, der Astronomie, der Poesie, der Geschichtswissenschaft und die anderer Wissenschaften und Literaturen.
   Sie beratschlagten und verkündeten dann:
   „Wie sind die Hüter des Genies der Menschen, wir werden uns an alles erinnern, um alles in unsterblichen Marmor einzugravieren, die schönsten Erfindungen der Wissenschaftler und Dichter; aber nur die, die seit Anbeginn der Welt die höchsten Gipfel repräsentieren. Pascal wird nur das Recht auf einen Gedanken haben, Newton nur auf einen Stern, Darwin nur auf ein Insekt, Galilei nur auf ein Staubkorn, Tolstoi nur auf eine Mildtätigkeit, Heinrich Heine nur auf einen Vers, Shakespeare nur auf einen Schrei; Wagner nur auf eine Note...“
   Und wie sich dann zusammensetzten, um aus ihrem Gedächtnis die unersetzlichen Meisterwerke zur Weihe des Menschen zusammen zu tragen, stellten sie voller Entsetzen fest, dass ihre Köpfe leer waren.

Originaltitel: L'intelligence. in: F. Jammes: Le Roman du Lièvre... Paris. Mercure de France. 1938.
p. 260/61. Deutsch von Joachim Schultz