Montag, 5. Juni 2017

Eines der größten Genies

Es dürfte nicht leicht gewesen sein, in Paris so kurz nach dem Krieg Wagner zu inszenieren. Doch schon 1947/48 wurden die Meistersinger, die Walküre und Tristan und Isolde (allerdings in französischer Sprache) mit großen Erfolg aufgeführt. Der französische Komponist und Musikkritiker Gustave Samazeuilh (1877 - 1967), von dem wohl auch die Übersetzung stammt, berichtet darüber. Das Wagnerische Musikdrama habe nicht von der Herrschaft über das Publikum verloren, auch wenn es nach 1944 erneuert worden sei. Was er mit dieser Erneuerung meint, wird allerdings nicht genau ausgeführt. Er spricht von einer vollständigen szenischen Erneuerung. Nach ‚zehn grausamen Jahren ist uns der Tristan als eines der größten Werke erschienen, das sich eines der größten Genies der Musikproduktion sich ausgedacht habe. Aufs Neue schwebt es über unseren Streitigkeiten und Differenzen. Weit davon entfernt, über uns ein schädliches Gift auszuschütten, hat es uns ganz im Gegenteil eine Lektion der Unabhängigkeit gegeben.’ Am Ende seiner Ausführungen, in denen er auch ausführlich auf die Leistungen der Sänger eingeht (u.a. Kirsten Flagstad als Isolde) äußert er den Wunsch, dass nun auch bald der Tannhäuser mit heutigen Mitteln wiederaufgeführt werde.

(zit. nach Gustave Samazeuilh: La saison 1947-1948 dans les théâtres lyriques. In: Almanach du théâtre et du cinéma 1949. Paris 1948. S. 16 – 19)