So
mancher Jude, der Wagners Musik liebte, war sicher gekränkt, erbost, nachdem
Richard Wagner seine antisemitischen Schriften veröffentlicht hatte. Hat sich
einer auch deswegen umgebracht? Wohl kaum. Doch, es gibt zumindest einen in der
Literatur. In Franz Werfel Erzählung Eine blassblaue Frauenschrift (1941) lesen wir: „Die Zeiten lagen fern, in welchen
man den Frack eines unglücklichen Kollegen erben durfte, der sich aus keinem
triftigeren Grunde erschossen hatte, als weil er des vergötterten Richard
Wagner Verdammungsurteil gegen den eigenen Stamm nicht zu ertragen vermochte.“*
Leonidas, der Held dieser Erzählung, ein österreichischer Kulturbeamter (die
Erzählung spielt im Jahr 1936) hat als junger Student diesen Frack von seinem
Studienkollegen geerbt. Der Frack steht ihm ausgezeichnet. Durch ihn hat er
Erfolg in der Gesellschaft und kann eine reiche Frau heiraten, obwohl er im
Grunde ein feiger Mitläufer ist. So haben dieser Frack und Wagners Antisemitismus
(in dieser Erzählung) einen Sinn.
(*Zit
nach F. Werfel, Eine blassblaue Frauenschrift. Ffm. S. Fischer Verlag. 1983. S. 35f.)