Donnerstag, 25. September 2014

Selbstmord wegen Wagner


So mancher Jude, der Wagners Musik liebte, war sicher gekränkt, erbost, nachdem Richard Wagner seine antisemitischen Schriften veröffentlicht hatte. Hat sich einer auch deswegen umgebracht? Wohl kaum. Doch, es gibt zumindest einen in der Literatur. In Franz Werfel Erzählung Eine blassblaue Frauenschrift (1941) lesen wir: „Die Zeiten lagen fern, in welchen man den Frack eines unglücklichen Kollegen erben durfte, der sich aus keinem triftigeren Grunde erschossen hatte, als weil er des vergötterten Richard Wagner Verdammungsurteil gegen den eigenen Stamm nicht zu ertragen vermochte.“* Leonidas, der Held dieser Erzählung, ein österreichischer Kulturbeamter (die Erzählung spielt im Jahr 1936) hat als junger Student diesen Frack von seinem Studienkollegen geerbt. Der Frack steht ihm ausgezeichnet. Durch ihn hat er Erfolg in der Gesellschaft und kann eine reiche Frau heiraten, obwohl er im Grunde ein feiger Mitläufer ist. So haben dieser Frack und Wagners Antisemitismus (in dieser Erzählung) einen Sinn.
(*Zit nach F. Werfel, Eine blassblaue Frauenschrift. Ffm. S. Fischer Verlag. 1983. S. 35f.)