Ein Kapitel aus dem Buch "Hat er umsunst gelebt? Oskar Panizza. Leben und Werk" von Joachim Schultz. Bayreuth 2013 (= Hefte für Angewandte Literaturwissenschaft Nr. 24):
Panizzas Lage wird immer prekärer. Er klagt über
Halluzinationen. Das Geld wird knapp. Aber er hält sich wacker. Er geht sogar
in die Pariser Oper, um sich eine Inszenierung von Tristan und Isolde anzuschauen. Darüber veröffentlicht er unter dem
Pseudonym Hans Dettmar einen langen Artikel in seinen Zürcher
Diskuszionen (Nr. 25 – 26. 1900 = 1 Heft).
Dass dies keine normale Theaterkritik ist, verraten schon die ersten Zeilen:
„Ich hoke oben auf meiner troisième Galerie – denn zu einer stalle d’orchestre
für 25 francs hatte ich keine Geld – auch keine Lust – und sehe hinunter in den
kahlen Raum, der sich demnächst mit Damast-Taljen, kahlen Schädeln,
ausgeschnittenen Kleidern und strozenden Brüsten füllen soll. [...] Und Richard
Wagner wird jetzt in einer Stunde diesen Raum mit seinem Geist ausfüllen“.
Wieder diese eigenwillige Orthographie. Wagner ist für ihn das ‚teutonische
Schenie“. (S. 143: Die Seitenangaben beziehen sich auf einen Neudruck des
Textes in Ein Himmel
voller Geigen. Die schönsten Musikgeschichten.
Hg. von Hermann Neudorfer. Fischer Tb. Ffm. 2009. S. 143 - 161) Der Text wird
zu einer kolossalen Collage. Einerseits wieder Beschimpfungen! Das Publikum
wird beschimpft: „Was die Menschen hier für dumme Gesichter machen!“ (S. 160)
Der Dirigent wird beschimpft: „Monsieur Lamoureux, Sie müssen das langsamer
nehmen! – bitte sehr: so stirbt kein Mensch!“ (S. 148) Die Dirigenten in
Deutschland (Levi und Bülow) können das viel besser. Lamoureux dagegen: „Sie sind
überhaupt zu fett, um so eine Oper zu dirigieren! – doch, doch, ich weis Das!
[...] Sie haben auch viel Verdienst für Paris, gewiß, Sie haben eine gute Seele
– aber ihre Seele ist zu fett, zu fett, um Wagner zu dirigieren“. Panizza muss
also diesen Tristan gesehen, den Charles Lamoureux kurz vor seinem Tod am 21.
Dezember 1899 dirigiert hat. Und außerdem baut Panizza alles ein, was er über
Wagner, über diese Oper und ihre Entstehungsgeschichte weiß. Da ist vor allem
eine Liebesgeschichte: „Tristan und Isolde, das sind ja nur Fantasmagorien, nur
Spiegelbilder, Tristan, das ist ja Richard Wagner, und Isolde, das ist ja Frau
Wesendonck in Zürich, in deren Haus der Flüchtling gewohnt und die er verführt
hat, und wegen der er vom Manne und von ganz Deutschland Schuft und
Schweinehund gescholten wurde“. (S. 146) Dazwischen Bemerkungen zum Geschehen
auf der Bühne, das sich von dem in Deutschland unterscheidet. Die Sängerin der
Isolde spielt offensichtlich mit vollem Körpereinsatz: „Ein Schrei!... Oh mein
Gott, Madame! In Deutschland dürften Sie das nicht tun [...], die Polizei käme
Ihnen auf den Hals – Die Theater-Polizei käme Ihnen auf den Hals – Sie arbeiten
mit dem Leib, Sie treiben den Leib heraus, dieses konvulsivische Herausstürzen,
diese brüllende Aufforderung, - das ist ja die reinste danse du ventre! – so
ist es gewiß nicht gewesen – keuscher war Frau Wesendonck gewiß angezogen – ja,
wenn Sie auch vergiftet sind! – das Gift wirkt doch lediglich auf die
Muskulatur des Unterleibs! – Sie müssen auf diese Weise die Fantasie des
hölzernen Tristan zerrütten – er muß auf diese Weise zu Fall kommen.“ (S. 154)
Dies ist auch eine kleine Erinnerung an sein eigenes Schicksal: ihm kam die
Polizei auf den Hals... Dann ein Vergleich zwischen Goethe und Wagner. Goethes Werther war ja ganz in Ordnung, aber der Faust, „dieser Mensch mit seinem bequemen Gehirn-Bordell“
(S. 158). Wagner dagegen: „Etwas, welches die dünnen Wände, die uns vom Ewigen,
vom Aussermenschlichen trennen, so deutlich empfinden, so hörbar abklopfen läst
– bis nicht der Prozeß des Sich-Selbst-Aufgebens, des
Die-eigne-Seele-wie-einen-Waschlappen-Hinwerfens vollendet ist, und der
Betreffende dann sozusagen nur noch ausermenschlich, nur noch für die Ewigkeit
schaft ... dann schreibt man ‚Tristan’“. (S. 158) Im Grunde hat das Pariser
Publikum so eine Oper nicht verdient, das ganze bürgerliche Europa hat das
nicht verdient. Panizza schließt mit einem Aufruf zur Revolution: „Oh, Richard
Wagner! – Heiliger Richard Wagner! – erstehe aus Deinem Grabe – ergreife den
Taktstok – und morgen begint die Revoluzjon! (S. 161)