Montag, 21. Juli 2014

Isoldes Bauchtanz in der Pariser Oper


Ein Kapitel aus dem Buch "Hat er umsunst gelebt? Oskar Panizza. Leben und Werk" von Joachim Schultz. Bayreuth 2013 (= Hefte für Angewandte Literaturwissenschaft Nr. 24):

Panizzas Lage wird immer prekärer. Er klagt über Halluzinationen. Das Geld wird knapp. Aber er hält sich wacker. Er geht sogar in die Pariser Oper, um sich eine Inszenierung von Tristan und Isolde anzuschauen. Darüber veröffentlicht er unter dem Pseudonym Hans Dettmar einen langen Artikel in seinen Zürcher Diskuszionen (Nr. 25 – 26. 1900 = 1 Heft). Dass dies keine normale Theaterkritik ist, verraten schon die ersten Zeilen: „Ich hoke oben auf meiner troisième Galerie – denn zu einer stalle d’orchestre für 25 francs hatte ich keine Geld – auch keine Lust – und sehe hinunter in den kahlen Raum, der sich demnächst mit Damast-Taljen, kahlen Schädeln, ausgeschnittenen Kleidern und strozenden Brüsten füllen soll. [...] Und Richard Wagner wird jetzt in einer Stunde diesen Raum mit seinem Geist ausfüllen“. Wieder diese eigenwillige Orthographie. Wagner ist für ihn das ‚teutonische Schenie“. (S. 143: Die Seitenangaben beziehen sich auf einen Neudruck des Textes in Ein Himmel voller Geigen. Die schönsten Musikgeschichten. Hg. von Hermann Neudorfer. Fischer Tb. Ffm. 2009. S. 143 - 161) Der Text wird zu einer kolossalen Collage. Einerseits wieder Beschimpfungen! Das Publikum wird beschimpft: „Was die Menschen hier für dumme Gesichter machen!“ (S. 160) Der Dirigent wird beschimpft: „Monsieur Lamoureux, Sie müssen das langsamer nehmen! – bitte sehr: so stirbt kein Mensch!“ (S. 148) Die Dirigenten in Deutschland (Levi und Bülow) können das viel besser. Lamoureux dagegen: „Sie sind überhaupt zu fett, um so eine Oper zu dirigieren! – doch, doch, ich weis Das! [...] Sie haben auch viel Verdienst für Paris, gewiß, Sie haben eine gute Seele – aber ihre Seele ist zu fett, zu fett, um Wagner zu dirigieren“. Panizza muss also diesen Tristan gesehen, den Charles Lamoureux kurz vor seinem Tod am 21. Dezember 1899 dirigiert hat. Und außerdem baut Panizza alles ein, was er über Wagner, über diese Oper und ihre Entstehungsgeschichte weiß. Da ist vor allem eine Liebesgeschichte: „Tristan und Isolde, das sind ja nur Fantasmagorien, nur Spiegelbilder, Tristan, das ist ja Richard Wagner, und Isolde, das ist ja Frau Wesendonck in Zürich, in deren Haus der Flüchtling gewohnt und die er verführt hat, und wegen der er vom Manne und von ganz Deutschland Schuft und Schweinehund gescholten wurde“. (S. 146) Dazwischen Bemerkungen zum Geschehen auf der Bühne, das sich von dem in Deutschland unterscheidet. Die Sängerin der Isolde spielt offensichtlich mit vollem Körpereinsatz: „Ein Schrei!... Oh mein Gott, Madame! In Deutschland dürften Sie das nicht tun [...], die Polizei käme Ihnen auf den Hals – Die Theater-Polizei käme Ihnen auf den Hals – Sie arbeiten mit dem Leib, Sie treiben den Leib heraus, dieses konvulsivische Herausstürzen, diese brüllende Aufforderung, - das ist ja die reinste danse du ventre! – so ist es gewiß nicht gewesen – keuscher war Frau Wesendonck gewiß angezogen – ja, wenn Sie auch vergiftet sind! – das Gift wirkt doch lediglich auf die Muskulatur des Unterleibs! – Sie müssen auf diese Weise die Fantasie des hölzernen Tristan zerrütten – er muß auf diese Weise zu Fall kommen.“ (S. 154) Dies ist auch eine kleine Erinnerung an sein eigenes Schicksal: ihm kam die Polizei auf den Hals... Dann ein Vergleich zwischen Goethe und Wagner. Goethes Werther war ja ganz in Ordnung, aber der Faust, „dieser Mensch mit seinem bequemen Gehirn-Bordell“ (S. 158). Wagner dagegen: „Etwas, welches die dünnen Wände, die uns vom Ewigen, vom Aussermenschlichen trennen, so deutlich empfinden, so hörbar abklopfen läst – bis nicht der Prozeß des Sich-Selbst-Aufgebens, des Die-eigne-Seele-wie-einen-Waschlappen-Hinwerfens vollendet ist, und der Betreffende dann sozusagen nur noch ausermenschlich, nur noch für die Ewigkeit schaft ... dann schreibt man ‚Tristan’“. (S. 158) Im Grunde hat das Pariser Publikum so eine Oper nicht verdient, das ganze bürgerliche Europa hat das nicht verdient. Panizza schließt mit einem Aufruf zur Revolution: „Oh, Richard Wagner! – Heiliger Richard Wagner! – erstehe aus Deinem Grabe – ergreife den Taktstok – und morgen begint die Revoluzjon! (S. 161)


Dienstag, 15. Juli 2014

Namensgebung

Im Theaterstück "Das Haus in Montevideo"(1951) von Curt Goetz (1888 - 1960) heißen die Kinder des Professors Traugott Hermann Nägler nach Wagner'schen Helden: Fafner, Fricka, Lohengrin, Parsifal, Wotan... Kommt so was in der Literatur noch öfter vor? Außerdem wäre es interessant zu untersuchen, welche (prominente) Menschen ihren Kindern diese Namen gegeben haben. Spontan fällt mir da Siegfried Unseld ein...




Sonntag, 6. Juli 2014

Der schwarze Alberich



Ein Literaturpuzzle wird zum Meisterwerk
Falls im nächsten Jahrhundert noch Literaturgeschichte geschrieben werden sollte, könnte unsere Zeit, das letzte Viertel des 20. Jahrhunderts, als das Zeitalter der Puzzle-Romane Erwähnung finden. Man nehme Ideen, Ausschnitte, Konzepte aus Wagners Ring des Nibelungen, aus Eugène Sues Roman Die Geheimnisse von Paris, aus den Abenteuern des Sherlock Holmes, aus der Legende vom Golem oder aus dem gleichnamigen Roman von Gustav Meyerink und noch aus einigen anderen literarischen Werken des 19. und 20. Jahrhunderts und setze daraus ein neues Werk zusammen. Nach diesem Rezept, mit anderen literarischen Bruchstücken, sind viele Romane der letzten Jahre geschrieben worden. Von postmodernen Romanen sprechen die Literaturwissenschaftler. Nicht immer kommt ein lesenswertes Werk dabei heraus, doch bei Marc Petits Roman Der Riesenzwerg ist ein kleines Meisterwerk entstanden.
Petit hat die oben genannten Bruchstücke und anderes Material verwendet, doch er hat daraus mehr gemacht: bei ihm ist die Summe der Einzelteile zu einem selbständigen, und nicht zuletzt sehr spannenden Roman geworden. Um was geht es? Am 23. Oktober 1872 wird in Paris der Spielzeugmacher Albéric Lenoir (Ist das nicht der schwarze Alberich???) in seiner Werkstatt ermordet. Sein Sohn Benjamin will den Fall klären, und er befindet sich mit einem Mal in einem Gespinst von Rivalität, Genialität und Kriminalität. Sein Vater war dem Riesenzwerg auf der Spur. Niemand weiß zwar, was damit gemeint ist (ein Schachautomat oder ein Roboter oder etwas ganz anderes), doch dem jungen Sherlock Benjamin Holmes wird nach und nach klar, daß auch andere hinter dem Geheimnis des Riesenzwergs her sind. Ein falscher Polizist namens Juvert, der zumindest vom Namen her an den Inspektor Juve aus den Fantômas-Romanen erinnert; ein Industriebaron namens Hippolyte Dubuc, dem Richard Wagner persönlich zwei scharfe Dobermänner zum Geschenk gemacht hat; und wohl eine ganze Geheimgesellschaft, die den jungen Wilhelm Meister, pardon: den jungen Benjamin Lenoir auf allen seinen Wegen beschattet. Die Geschichte führt den Leser von Paris nach Wien und Posen, und sie endet im Goldmachergäßchen in Prag, wo...
Mehr soll hier nicht verraten werden, außer noch ein paar Einzelheiten: der Baron endet in einem seiner Hochöfen, wie sie auch Patrice Chéreau bei seiner RING-Inszenierung auf die Bayreuther Bühne gebracht hat; die Mutter des Helden nimmt Gift, doch sie hütet sich vor Arsen, denn sie möchte nicht so grauenhaft wie Emma Bovary sterben; der Wiener Konservator Matzenbecker, der aus dem Reich Tarockanien eines Herzmanovsky-Orlando entsprungen sein könnte, wird mit einem Eisblock erschlagen, auf dem natürlich keine Fingerabdrücke bleiben. Marc Petit spielt mit den Elementen der Hoch- und Trivialliteratur, doch es gelingt ihm zugleich, dem Roman einen tieferen Sinn zu geben. Es ist die ewige Suche des jugendlichen Helden, des tumben Toren, die man geradlinig und simpel heute nicht mehr erzählen könnte, die aber so, wie Petit sie erzählt, den Leser wieder fesseln kann.
Marc Petit: Der Riesenzwerg. Roman. Aus dem Französischen von Rolf und Hedda Soellner. 360 Seiten. Hanser Verlag München. 1994.


Samstag, 5. Juli 2014

Musikautomaten am Hintern


„Carl Einstein fordert, während er hermetische Texte publiziert, das Ende einer autonomen Kunst – die er wiederum noch 1932 [...] selber initiiert hat.“ So schrieb Fritz J. Raddatz über diesen ‚Propheten der Avantgarde’. (DIE ZEIT. 11. 12. 1992. S. 58) Ist von Carl Einstein (1885 – 1940) Positives über Richard Wagner zu erwarten? In einem Text über das Theater aus seinem Nachlass findet man einen bemerkenswerten Satz: „zwei ereignisse beschleunigten die heraufkunft des modernen theaters. Die person Richard Wagner – die neue stilbewegung. Wagners wesentliche leistung für das theater besteht wohl darin – dass er die Einheit des Kunstwerks auch seiner Person zu beweisen vermochte und als verbindung der verschiedenen Mittel, die ein Drama ausmachen, die Musik erkannte; das musikalische in das allgemein r<h>yt<h>mische umzudeuten lag nach dieser bestimmung nicht fern.“ Die Einheit des Kunstwerks sich selbst beweisen – das kann doch nur spöttisch gemeint sein. Um dies zu belegen, könnte man einen weiteren Satz aus dem Nachlass (aus einem Prosatext mit dem Titel „Leda“) anführen. Hier geht es um eine Herzogin, die eine Art ‚Jardin des malices’ unterhält, mit seltsamen Gestalten: „Durch den kunstvollen <...> der Herzogin des malices douces huschten viele Fackeln geschwungen von den merkwürdigen Geschöpfen der Herzogin. Kleine verkrüppelte <Männchen> - an deren Hintern kleine Automaten befestigt waren die nach Einwurf eines Geldstücks Isoldes Liebestod spielten und liebliche Genüsse bereiteten [...].“ Einem wahren Wagnerianer würde so etwas nie einfallen...
Zitate aus: Carl Einstein, Werke Band 4. Texte aus dem Nachlass I. Hg. von Hermann Haarmann und Klaus Siebenhaar. Berlin. Verlag Fannei & Walz. 1992. S. 99, 66.

Freitag, 4. Juli 2014

Mordgelüste

W. S. Maugham (1874 - 1965) berichtet in seiner Erzählung "Winter Cruise" von einem deutschen Kapitän, der gerne Wagner-Lieder singt, doch mit eigenen, der jeweiligen Situation angepassten Texten. Über eine Passagierin, die er hasst wie die Pest, klingt das so:
"He had a funny way oft strutting up an down his short legs singing Wagner tunes to words of his own invention. It was Tannhäuser he was singing now (that loveley thing about the evening star) but knowing no German Miss Reid could only wonder what absurd words he was putting to it. It was as well. 'Oh, what a bore that woman is, I shal certainly kill her if she goes on much longer.' Then he broke into Siegfried's martial strain. 'She's a bore, she's a bore, she's a bore. I shall throw her into the sea.'"
Zit nach W. S. Maugham, The Complete Short Stories. Volume III. London 1973. S. 1347.

Pilgerchor im Vollrausch

Paul Bowles (1910 - 1999) erzählt in seinen Erinnerungen von einem marokkanischen Klavierstimmer, der aber nur behauptet einer zu sein. Statt, wie von ihm verlangt, das Klavier zu stimmen, trinkt er eine Flasche Cognac und schläft ein. "Wir weckten ihn auf; es schien ihm peinlich zu sein, doch er schlug munter ein paar Arpeggios an und stürzte sich in den 'Pilgerchor' aus Tannhäuser. So weit das überhaupt möglich war, klang das Klavier noch verstimmter als vorher."
Zit. nach P. Bowles, "Rastlos. Erinnerungen eines Nomaden". Deutsch von Pociao. München. Goldmann TB. 1993. S. 140.

Lesbisches Paar

Für W. H. Auden (1907 - 1983) waren Tristan und Isolde ein lesbisches Paar, "weil ein Mann, der eine Frau liebt, nicht in jenen Zustand der Verzückung geraten kann - er würde 'an etwas anderes denken'."
Zit. nach Edmund Wilson, "Briefe über Literatur und Politik. 1912 bis 1972". Ffm. 1985. Ullstein Materialien. S. 291