Sonntag, 6. Juli 2014

Der schwarze Alberich



Ein Literaturpuzzle wird zum Meisterwerk
Falls im nächsten Jahrhundert noch Literaturgeschichte geschrieben werden sollte, könnte unsere Zeit, das letzte Viertel des 20. Jahrhunderts, als das Zeitalter der Puzzle-Romane Erwähnung finden. Man nehme Ideen, Ausschnitte, Konzepte aus Wagners Ring des Nibelungen, aus Eugène Sues Roman Die Geheimnisse von Paris, aus den Abenteuern des Sherlock Holmes, aus der Legende vom Golem oder aus dem gleichnamigen Roman von Gustav Meyerink und noch aus einigen anderen literarischen Werken des 19. und 20. Jahrhunderts und setze daraus ein neues Werk zusammen. Nach diesem Rezept, mit anderen literarischen Bruchstücken, sind viele Romane der letzten Jahre geschrieben worden. Von postmodernen Romanen sprechen die Literaturwissenschaftler. Nicht immer kommt ein lesenswertes Werk dabei heraus, doch bei Marc Petits Roman Der Riesenzwerg ist ein kleines Meisterwerk entstanden.
Petit hat die oben genannten Bruchstücke und anderes Material verwendet, doch er hat daraus mehr gemacht: bei ihm ist die Summe der Einzelteile zu einem selbständigen, und nicht zuletzt sehr spannenden Roman geworden. Um was geht es? Am 23. Oktober 1872 wird in Paris der Spielzeugmacher Albéric Lenoir (Ist das nicht der schwarze Alberich???) in seiner Werkstatt ermordet. Sein Sohn Benjamin will den Fall klären, und er befindet sich mit einem Mal in einem Gespinst von Rivalität, Genialität und Kriminalität. Sein Vater war dem Riesenzwerg auf der Spur. Niemand weiß zwar, was damit gemeint ist (ein Schachautomat oder ein Roboter oder etwas ganz anderes), doch dem jungen Sherlock Benjamin Holmes wird nach und nach klar, daß auch andere hinter dem Geheimnis des Riesenzwergs her sind. Ein falscher Polizist namens Juvert, der zumindest vom Namen her an den Inspektor Juve aus den Fantômas-Romanen erinnert; ein Industriebaron namens Hippolyte Dubuc, dem Richard Wagner persönlich zwei scharfe Dobermänner zum Geschenk gemacht hat; und wohl eine ganze Geheimgesellschaft, die den jungen Wilhelm Meister, pardon: den jungen Benjamin Lenoir auf allen seinen Wegen beschattet. Die Geschichte führt den Leser von Paris nach Wien und Posen, und sie endet im Goldmachergäßchen in Prag, wo...
Mehr soll hier nicht verraten werden, außer noch ein paar Einzelheiten: der Baron endet in einem seiner Hochöfen, wie sie auch Patrice Chéreau bei seiner RING-Inszenierung auf die Bayreuther Bühne gebracht hat; die Mutter des Helden nimmt Gift, doch sie hütet sich vor Arsen, denn sie möchte nicht so grauenhaft wie Emma Bovary sterben; der Wiener Konservator Matzenbecker, der aus dem Reich Tarockanien eines Herzmanovsky-Orlando entsprungen sein könnte, wird mit einem Eisblock erschlagen, auf dem natürlich keine Fingerabdrücke bleiben. Marc Petit spielt mit den Elementen der Hoch- und Trivialliteratur, doch es gelingt ihm zugleich, dem Roman einen tieferen Sinn zu geben. Es ist die ewige Suche des jugendlichen Helden, des tumben Toren, die man geradlinig und simpel heute nicht mehr erzählen könnte, die aber so, wie Petit sie erzählt, den Leser wieder fesseln kann.
Marc Petit: Der Riesenzwerg. Roman. Aus dem Französischen von Rolf und Hedda Soellner. 360 Seiten. Hanser Verlag München. 1994.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen