Samstag, 5. Juli 2014

Musikautomaten am Hintern


„Carl Einstein fordert, während er hermetische Texte publiziert, das Ende einer autonomen Kunst – die er wiederum noch 1932 [...] selber initiiert hat.“ So schrieb Fritz J. Raddatz über diesen ‚Propheten der Avantgarde’. (DIE ZEIT. 11. 12. 1992. S. 58) Ist von Carl Einstein (1885 – 1940) Positives über Richard Wagner zu erwarten? In einem Text über das Theater aus seinem Nachlass findet man einen bemerkenswerten Satz: „zwei ereignisse beschleunigten die heraufkunft des modernen theaters. Die person Richard Wagner – die neue stilbewegung. Wagners wesentliche leistung für das theater besteht wohl darin – dass er die Einheit des Kunstwerks auch seiner Person zu beweisen vermochte und als verbindung der verschiedenen Mittel, die ein Drama ausmachen, die Musik erkannte; das musikalische in das allgemein r<h>yt<h>mische umzudeuten lag nach dieser bestimmung nicht fern.“ Die Einheit des Kunstwerks sich selbst beweisen – das kann doch nur spöttisch gemeint sein. Um dies zu belegen, könnte man einen weiteren Satz aus dem Nachlass (aus einem Prosatext mit dem Titel „Leda“) anführen. Hier geht es um eine Herzogin, die eine Art ‚Jardin des malices’ unterhält, mit seltsamen Gestalten: „Durch den kunstvollen <...> der Herzogin des malices douces huschten viele Fackeln geschwungen von den merkwürdigen Geschöpfen der Herzogin. Kleine verkrüppelte <Männchen> - an deren Hintern kleine Automaten befestigt waren die nach Einwurf eines Geldstücks Isoldes Liebestod spielten und liebliche Genüsse bereiteten [...].“ Einem wahren Wagnerianer würde so etwas nie einfallen...
Zitate aus: Carl Einstein, Werke Band 4. Texte aus dem Nachlass I. Hg. von Hermann Haarmann und Klaus Siebenhaar. Berlin. Verlag Fannei & Walz. 1992. S. 99, 66.

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