Freitag, 8. August 2014

Kitsch oder Kunst


Kitsch oder Kunst?
Wer ein wenig die Stimmung in Neubayreuth in den 50er Jahren erleben möchte, der lese den Roman Die goldene Stimme (1958) von Erich Ebermayer (1900 – 1970). So war das: „Eben kam die Begum über den Platz. Die große Frau war noch immer schön wie ein Denkmal. Ihre Haltung, ihre Gesten waren vollendet. Sie war begleitet von der Wagner-Enkelin Friedelind, die einst mit Maestro Toscanini Hitler-Deutschland im Groll auf die Mutter verlassen hatte. Das alles war längst vorbei und vergessen. Die Abtrünnige war wieder in Wahnfried aufgenommen.“ (S. 12. Nach der Heyne-Taschenbuchaugabe 1963). Oder auf der Stufe der Bediensteten: „’Komischer Heiliger!’ sagte der Wärter mit der Spritze. ‚Wird einer vom Wagner-Theater sein! Die san’ alle narrisch’, meinte die schrubbende Frau.“ Es geht in diesem Roman um den fiktiven Sänger Ralf  Kersten, der als Tannhäuser in Bayreuth seine große Karriere beginnt, und um seine große Liebe. Und da wird das doch sehr kitschig: „Ihre glühenden Kohleaugen blitzten ihn an.“ (S. 41) Oder: „Sie trug ein schwarzglänzendes, mit Perlen besticktes Abendkleid, das er nicht an ihr kannte. Ihr Make-up war raffiniert. Noch nie hatte er sie so vollendet schön, so jung, so geladen mit Vitalität und Sex gesehen.“ (S. 65) Am Ende wird die Sopran-Diva, die Gattin des Stardirigenten, von der eifersüchtigen Ehefrau eines russischen Baritons erschossen. Dazwischen immer wieder die Gestalten von Neu-Bayreuth: Winifred, Wolfgang und Wieland Wagner, die Begum, König Faruk...
Aber ist Kitsch nicht auch eine Kunst? Die Handlung des (angeblich?) nach diesem Roman gedrehten Films "Schlussakkord" ( 1960, mit Mario di Monaco) wurde ganz nach Salzburg verlegt. Schade! 


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